Zwei Menschen erleben dieselbe Situation: Der Partner flirtet auf einer Feier mit jemand anderem. Die eine Person zuckt mit den Schultern, die andere grübelt die halbe Nacht. Warum reagieren wir so unterschiedlich auf Eifersucht auslösende Momente? Eine der einflussreichsten Antworten der Psychologie lautet: Es hat viel mit unserem Bindungsstil zu tun. Gerade wenn ihr über Cuckolding oder Hotwifing nachdenkt, lohnt es sich, diesen Zusammenhang zu verstehen.
Was ist Bindung bei Erwachsenen?
Die Bindungstheorie wurde ursprünglich entwickelt, um die emotionale Beziehung zwischen Kleinkindern und ihren Bezugspersonen zu erklären. 1987 übertrugen die Psychologen Cindy Hazan und Phillip Shaver diesen Ansatz auf romantische Liebe (Hazan & Shaver, 1987). Ihre Grundidee: Auch Erwachsene bilden zu Liebespartnern emotionale Bindungen, die nach ähnlichen Mustern funktionieren.
Hazan und Shaver beschrieben drei Grundstile:
- Sicher: Nähe fühlt sich gut an, und man vertraut darauf, dass der andere verfügbar ist.
- Vermeidend: Zu viel Nähe ist eher unangenehm, man setzt stark auf Unabhängigkeit.
- Ängstlich-ambivalent: Man sehnt sich nach Nähe, sorgt sich aber, nicht genug geliebt oder verlassen zu werden.
Nach ihrer Auffassung beruhen diese Stile auf inneren „Arbeitsmodellen“ von sich selbst und anderen, die zum Teil durch frühe Beziehungserfahrungen geprägt werden. Heute beschreibt die Forschung Bindung meist mit zwei Dimensionen – Bindungsangst und Bindungsvermeidung –, auf denen jeder Mensch irgendwo liegt. Das ist kein Etikett, sondern eher eine Tendenz.
Warum Eifersucht und Bindung zusammenhängen
Aus Sicht der Bindungstheorie wird das Bindungssystem besonders dann aktiv, wenn eine Beziehung bedroht scheint. Eifersucht ist genau so eine Situation. Deshalb haben Forschende früh untersucht, ob sich Menschen mit unterschiedlichen Bindungsstilen in ihrer Eifersucht unterscheiden.
Unterschiedliche Arten, Eifersucht zu zeigen
Don Sharpsteen und Lee Kirkpatrick fanden 1997, dass sich die Bindungsstile nicht nur im Ausmaß, sondern vor allem in der Art der Eifersucht unterscheiden (Sharpsteen & Kirkpatrick, 1997):
- Ängstlich gebundene Menschen hielten ihren Ärger eher zurück.
- Vermeidend gebundene Menschen richteten Ärger und Schuldzuweisungen eher gegen die dritte Person.
- Sicher gebundene Menschen drückten ihren Ärger eher direkt gegenüber dem Partner aus – und hielten zugleich an der Beziehung fest.
Das ist ein spannender Punkt: Sicher gebundene Menschen sind nicht unbedingt „frei von Eifersucht“. Sie gehen aber offener damit um und wenden sich ihrem Partner zu, statt sich zurückzuziehen.
Grübeln, Kontrollieren, Vermeiden
Laura Guerrero befragte 1998 144 Menschen in festen Beziehungen (Guerrero, 1998). Sie fand unter anderem:
- Wer ein eher negatives Selbstbild hatte, erlebte mehr gedankliche Eifersucht – also Grübeln und Misstrauen.
- Menschen mit einem „besitzergreifenden“ (preoccupied) Bindungsstil zeigten mehr negative Gefühle und mehr Kontrollverhalten, etwa das Überprüfen des Partners.
- Menschen mit einem distanziert-abweisenden Stil berichteten in Eifersuchtssituationen über weniger Angst als sicher oder besitzergreifend gebundene Menschen.
Weniger Angst klingt zunächst nach Gelassenheit. Guerrero fand aber auch, dass Menschen mit negativem Bild von anderen eher zu Vermeidung und Verleugnung neigten und weniger taten, um die Beziehung zu erhalten. Echte Gelassenheit und emotionaler Rückzug sind also zwei verschiedene Dinge.
Bindung und einvernehmliche Nicht-Monogamie
Lange ging man in der Bindungsforschung stillschweigend davon aus, dass sichere Liebe mit sexueller Exklusivität gleichzusetzen sei. Neuere Studien stellen das infrage.
„Attached to monogamy?“
Amy Moors und ihr Team untersuchten in zwei Studien, wie Bindung mit Einstellungen zu einvernehmlicher Nicht-Monogamie (CNM) zusammenhängt (Moors et al., 2015). Bei Menschen ohne eigene CNM-Erfahrung ging eine höhere Bindungsvermeidung mit positiveren Einstellungen und größerer Bereitschaft einher, CNM auszuprobieren. Gleichzeitig waren vermeidend gebundene Menschen aber seltener tatsächlich in einer CNM-Beziehung als in einer monogamen.
Das klingt widersprüchlich, ergibt aber Sinn: Die Idee von mehr Freiheit kann für vermeidend gebundene Menschen reizvoll sein. CNM in der Praxis verlangt jedoch viel Kommunikation, Absprachen und emotionale Nähe – also genau das, was Vermeidung schwer macht.
Sichere Bindung in polyamoren Beziehungen
Eine weitere Studie befragte 357 Menschen in polyamoren Beziehungen mit mindestens zwei Partnern (Moors, Ryan & Chopik, 2019). Die Teilnehmenden zeigten gegenüber beiden Partnern eine sichere Bindung – mit niedrigeren Werten für Angst und Vermeidung als in etablierten Vergleichsnormen. Außerdem hing die Bindung zu einem Partner mit der Qualität genau dieser Beziehung zusammen, aber nicht mit der Qualität der anderen.
Daraus folgt nicht, dass CNM Menschen sicherer macht – die Stichprobe war nicht repräsentativ, und es handelt sich um eine Momentaufnahme. Die Studie zeigt aber, dass sichere Bindung und Nicht-Monogamie sich nicht ausschließen. Und sie legt nahe, dass Bindung auch von der konkreten Beziehung abhängt und nicht nur ein festes Persönlichkeitsmerkmal ist.
Tipp: Sicherheit entsteht in einer Beziehung auch durch Verlässlichkeit: klare Absprachen, die beide verstehen und die eingehalten werden. Ein strukturiertes Arbeitsheft hilft euch, eure gemeinsamen Regeln Schritt für Schritt festzuhalten. Zum Arbeitsheft „Unsere Regeln“
Eifersucht in monogamen und nicht-monogamen Beziehungen
Justin Mogilski und Kolleg:innen verglichen 529 monogame und 159 einvernehmlich nicht-monogame Personen (Mogilski et al., 2019). Monogame Teilnehmende berichteten über mehr emotionalen Stress, wenn sie sich ein Engagement ihres Partners mit einer anderen Person vorstellten. CNM-Teilnehmende dachten dagegen häufiger über die anderen Beziehungen ihres Partners nach. Auffällig war auch: Bei monogamen Frauen hing das Reaktionsmuster davon ab, ob das Szenario einvernehmlich war oder nicht.
Einvernehmlichkeit macht also einen Unterschied. Mehr zu diesen Befunden findest du in unserem Überblick Studien zur offenen Beziehung.
Was das für euch bedeuten kann
Die Forschung liefert keine Anleitung, aber einige Denkanstöße – besonders, wenn ihr Cuckolding oder Hotwifing in Erwägung zieht.
Deine Eifersucht ist eine Information
Eifersucht ist aus Sicht der Bindungstheorie ein Signal, dass sich etwas in deiner Beziehung bedroht anfühlt. Statt sie zu unterdrücken, kannst du fragen: Wovor genau habe ich Angst? Davor, weniger wichtig zu sein? Davor, verlassen zu werden? Manche Menschen erleben Eifersucht in diesem Kontext sogar als erregend – mehr dazu im Artikel Eifersucht erregt mich – ist das normal?
Gelassenheit ist nicht dasselbe wie Gleichgültigkeit
Guerreros Befunde zeigen: Wenig Angst kann auch emotionale Distanz bedeuten. Für einvernehmliche Konstellationen ist nicht entscheidend, dass niemand etwas fühlt, sondern dass ihr über eure Gefühle sprechen könnt.
Rückversicherung ist erlaubt
Wenn einer von euch eher ängstlich gebunden ist, braucht er oder sie möglicherweise mehr Bestätigung. Das ist keine Schwäche. Vereinbart, wie ihr euch vor, während und nach neuen Erfahrungen gegenseitig versichert. Wie das konkret aussehen kann, beschreibt unser Ratgeber Regeln und Grenzen festlegen.
Vorsicht vor dem Reiz der Freiheit allein
Wenn dich vor allem die Idee von Unabhängigkeit anzieht, lohnt sich ein ehrlicher Blick nach innen. Die Studie von Moors et al. (2015) deutet darauf hin, dass Offenheit für CNM und tatsächliche Umsetzung bei vermeidend gebundenen Menschen auseinandergehen. Einvernehmliche Nicht-Monogamie lebt von Nähe und Kommunikation, nicht von Distanz.
Bindung ist kein Schicksal
Bindungsstile sind Tendenzen, keine Urteile. Die Befunde von Moors, Ryan und Chopik (2019) legen nahe, dass Bindung auch von der jeweiligen Beziehung geprägt wird. Verlässliche, liebevolle Erfahrungen miteinander sind deshalb vermutlich eine der besten Grundlagen – ganz gleich, wofür ihr euch entscheidet. Wie gut ihr gerade aufgestellt seid, könnt ihr mit unserem Paar-Check gemeinsam reflektieren.
Grenzen der Forschung
Die meisten Studien zu Bindung und Eifersucht beruhen auf Selbstauskünften und Momentaufnahmen. Viele Stichproben bestehen aus Studierenden oder aus Menschen, die sich freiwillig zu einer Online-Befragung gemeldet haben. Zu Cuckolding oder Hotwifing speziell gibt es keine Bindungsstudien. Die Ergebnisse geben Orientierung, aber keine Gewissheit für dein Leben.
Wenn Eifersucht dich überwältigt
Eifersucht kann sehr schmerzhaft sein. Wenn sie dich dauerhaft belastet, zu Kontrollverhalten führt oder eure Beziehung immer wieder in Krisen stürzt, ist das ein guter Moment, sich Unterstützung zu holen. Eine Paartherapie oder Sexualberatung kann euch helfen, die dahinterliegenden Bedürfnisse zu verstehen.
Zum Weiterarbeiten: Im Arbeitsbuch „Eifersucht verstehen und überwinden“ findest du einen Selbsttest, einen SOS-Plan für akute Momente und Übungen, mit denen du und deine Partnerin Schritt für Schritt sicherer werdet – 89 Seiten zum Ausfüllen für 19 €.
Häufige Fragen
Sind sicher gebundene Menschen nie eifersüchtig?
Doch. Laut Sharpsteen und Kirkpatrick (1997) zeigen sicher gebundene Menschen Eifersucht durchaus – sie drücken ihren Ärger aber eher direkt gegenüber dem Partner aus und halten an der Beziehung fest.
Sind Menschen in offenen Beziehungen bindungsunsicher?
Die Forschung spricht nicht dafür. In der Studie von Moors, Ryan und Chopik (2019) zeigten polyamore Menschen sogar eine sichere Bindung zu beiden Partnern. Die Stichprobe war allerdings nicht repräsentativ.
Kann ich meinen Bindungsstil verändern?
Bindungsstile gelten als Tendenzen, die auch von konkreten Beziehungserfahrungen beeinflusst werden. Verlässliche Erfahrungen und, falls nötig, therapeutische Unterstützung können hilfreich sein.
Bin ich für Cuckolding ungeeignet, wenn ich eifersüchtig bin?
Nicht automatisch. Entscheidend ist, wie ihr mit Eifersucht umgeht, ob ihr offen darüber sprechen könnt und ob beide wirklich einverstanden sind. Ein Nein bleibt jederzeit legitim.
Quellen
- Guerrero, L. K. (1998). Attachment-style differences in the experience and expression of romantic jealousy. Personal Relationships, 5(3), 273–291. https://doi.org/10.1111/j.1475-6811.1998.tb00172.x
- Hazan, C. & Shaver, P. (1987). Romantic love conceptualized as an attachment process. Journal of Personality and Social Psychology, 52(3), 511–524. https://doi.org/10.1037/0022-3514.52.3.511
- Mogilski, J. K., Reeve, S. D., Nicolas, S. C. A., Donaldson, S. H., Mitchell, V. E. & Welling, L. L. M. (2019). Jealousy, consent, and compersion within monogamous and consensually non-monogamous romantic relationships. Archives of Sexual Behavior, 48(6), 1811–1828. https://doi.org/10.1007/s10508-018-1286-4
- Moors, A. C., Conley, T. D., Edelstein, R. S. & Chopik, W. J. (2015). Attached to monogamy? Avoidance predicts willingness to engage (but not actual engagement) in consensual non-monogamy. Journal of Social and Personal Relationships, 32(2), 222–240. https://doi.org/10.1177/0265407514529065
- Moors, A. C., Ryan, W. & Chopik, W. J. (2019). Multiple loves: The effects of attachment with multiple concurrent romantic partners on relational functioning. Personality and Individual Differences, 147, 102–110. https://doi.org/10.1016/j.paid.2019.04.023
- Sharpsteen, D. J. & Kirkpatrick, L. A. (1997). Romantic jealousy and adult romantic attachment. Journal of Personality and Social Psychology, 72(3), 627–640. https://doi.org/10.1037/0022-3514.72.3.627
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