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Der Abend, an dem ich es ihr endlich erzählt habe

Du willst so etwas mit deiner eigenen Partnerin erleben? So sprichst du sie darauf an – ohne sie zu überrumpeln

Ich hatte mir den Satz hundertmal zurechtgelegt. Im Auto, unter der Dusche, nachts, wenn Nina neben mir schon tief und gleichmäßig atmete. Jedes Mal klang er anders, und jedes Mal klang er falsch. Zu klinisch. Zu verschämt. Zu sehr nach einem Mann, der seiner Frau gleich etwas beichten muss, das sie nie wieder vergessen wird.

An diesem Freitag im Oktober habe ich ihn dann einfach gesagt. Ohne Vorbereitung, ohne den perfekten Moment. Vielleicht war genau das der perfekte Moment.

Ein ganz normaler Freitag

Die Kinder waren bei Ninas Eltern, das Haus war ungewohnt still. Wir hatten gekocht, Risotto, ihr Lieblingsessen, und die Flasche Weißwein war fast leer. Nina saß im Schneidersitz auf dem Sofa, eine Wolldecke über den Knien, und erzählte von einer Kollegin, die sich nach achtzehn Jahren Ehe getrennt hatte.

„Sie hat gesagt, das Schlimmste war nicht, dass sie sich nichts mehr zu sagen hatten“, meinte Nina und drehte das Glas zwischen den Fingern. „Sondern dass sie irgendwann gemerkt hat, dass sie sich nie wirklich alles gesagt haben. Achtzehn Jahre lang.“

Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust zusammenzog. Es war, als hätte sie eine Tür geöffnet, ohne es zu wissen.

„Erzählen wir uns alles?“, fragte ich.

Sie sah mich an, halb lächelnd. „Ich dachte schon. Warum? Hast du eine heimliche Zweitfamilie in Bielefeld?“

„Nein.“ Ich lachte, aber es klang dünn. „Aber es gibt etwas, das ich dir noch nie erzählt habe.“

Ihr Lächeln blieb, aber ihre Augen wurden wacher. Nina kennt mich seit vierzehn Jahren. Sie weiß, wann ich scherze und wann nicht.

„Okay“, sagte sie langsam. „Jetzt hast du mich.“

Der Satz

Ich stellte mein Glas ab. Meine Hände waren feucht, und ich wischte sie unauffällig an der Jeans ab, was natürlich überhaupt nicht unauffällig war.

„Es ist eine Fantasie“, begann ich. „Eine, die ich schon sehr lange habe. Länger, als wir verheiratet sind, ehrlich gesagt. Und ich hatte immer Angst, dass du mich danach anders ansiehst.“

„Markus.“ Sie legte ihre Hand auf mein Knie. „Sag es einfach.“

Ich holte Luft. „Ich stelle mir manchmal vor, wie du mit einem anderen Mann zusammen bist. Nicht heimlich. Nicht hinter meinem Rücken. Sondern weil wir es beide wollen. Und ich weiß davon. Und – es macht mich nicht eifersüchtig. Oder doch, ein bisschen, aber auf eine Art, die …“ Ich brach ab. „Auf eine Art, die mich dir näher fühlen lässt. Das klingt verrückt, ich weiß.“

Dann war es still.

Die Uhr in der Küche tickte. Draußen fuhr ein Auto vorbei, die Scheinwerfer wanderten über die Zimmerdecke. Nina hatte ihre Hand nicht weggenommen, das registrierte ich mit einer Erleichterung, die mich selbst überraschte. Aber sie sagte nichts. Sie sah mich nur an, und ich konnte in ihrem Gesicht nicht lesen, was sie dachte.

„Sag was“, bat ich schließlich.

„Ich denke nach.“

„Bist du sauer?“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin … ich weiß nicht. Überrascht. Ich hätte mit vielem gerechnet. Damit nicht.“

Die Fragen

Sie zog die Decke höher und lehnte sich zurück, ohne mich aus den Augen zu lassen.

„Darf ich dich was fragen?“

„Alles.“

„Ist das, weil dir etwas fehlt? Mit mir, meine ich. Bin ich dir nicht –“

„Nein“, unterbrach ich sie, schneller und lauter als beabsichtigt. „Nein, Nina. Gott, nein. Das ist das Gegenteil. Ich finde dich so begehrenswert, dass ich mir vorstelle, wie andere dich genauso sehen. Und dass du das genießt. Dass du dich so fühlst, wie ich dich sehe.“

Sie blinzelte. „Das ist … eigentlich ziemlich schön gesagt.“

„Ich hab ein paar Jahre geübt.“

Jetzt lachte sie, zum ersten Mal richtig, und irgendetwas in mir löste sich.

„Und was genau stellst du dir vor?“, fragte sie. „Ich meine, siehst du zu? Bist du dabei? Bist du gar nicht da?“

Ich war auf Ablehnung vorbereitet gewesen. Auf Tränen, auf Vorwürfe, auf eine lange, kalte Nacht. Aber nicht auf Fragen. Nicht auf diesen Ton – vorsichtig, ja, aber auch … neugierig.

„Das wechselt“, gab ich zu. „Manchmal stelle ich mir vor, dass du ausgehst und mir danach alles erzählst. Manchmal, dass ich in der Nähe bin. Es ist weniger das Was als das Gefühl dabei. Dass du frei bist. Und dass du trotzdem zu mir nach Hause kommst.“

Nina schwieg wieder eine Weile. Dann sagte sie leise: „Weißt du, was komisch ist?“

„Was?“

„Dass ich gerade nicht schockiert bin. Ich sollte es vielleicht sein. Aber ich bin es nicht.“

Ihre Seite

Sie stand auf, holte die zweite Flasche aus dem Kühlschrank und schenkte uns beiden nach, obwohl wir eigentlich genug hatten. Als sie sich wieder setzte, rückte sie näher. Ihre Schulter berührte meine.

„Ich hab auch Fantasien“, sagte sie, ohne mich anzusehen. „Nicht genau die gleiche. Aber verwandt.“

Mein Herz schlug plötzlich bis zum Hals. „Erzählst du sie mir?“

„Irgendwann vielleicht.“ Sie lächelte in ihr Glas. „Heute bist du dran. Ich will erst verstehen, was in deinem Kopf vorgeht. Aber ich will, dass du weißt: Du bist nicht der Einzige hier, der Gedanken hat, die er sich nicht traut auszusprechen.“

Ich drehte mich zu ihr. „Nina, ich will nichts, was du nicht willst. Ich musste es nur einmal sagen. Damit es nicht mehr zwischen uns steht.“

„Das weiß ich.“ Sie nahm meine Hand und verschränkte ihre Finger mit meinen. „Und genau deshalb kann ich überhaupt darüber nachdenken. Wenn du es mir verschwiegen und irgendwann heimlich im Internet nach – keine Ahnung – nach Gleichgesinnten gesucht hättest, dann wäre ich sauer. Richtig sauer. Aber du hast es mir gesagt. Mit schwitzigen Händen.“

„Hast du das gesehen?“

„Markus. Du hast sie an deiner Hose abgewischt wie ein Teenager vor dem Abschlussball.“

Wir lachten beide, und es war ein anderes Lachen als vorher. Leichter.

Keine Entscheidung

„Ich will nichts überstürzen“, sagte sie nach einer Weile. „Ich weiß nicht, ob ich das je wirklich machen will. Vielleicht ist es etwas, das in unseren Köpfen bleibt. Vielleicht nicht. Aber ich will darüber reden. Langsam. Und ich will, dass wir uns jederzeit sagen können, wenn es sich falsch anfühlt.“

„Jederzeit“, wiederholte ich.

„Und ich will, dass du mir nichts vorspielst. Wenn dich etwas eifersüchtig macht, sagst du es. Wenn du Angst hast, sagst du es.“

„Versprochen.“

„Und ich entscheide, ob, wann und mit wem. Nicht du.“

Ich nickte, und ich meinte es so. „Natürlich. Es geht ja gerade darum, dass du es willst. Sonst ergibt es überhaupt keinen Sinn.“

Sie musterte mich lange. Dann lehnte sie sich an mich, den Kopf an meiner Schulter, und ich roch ihr Shampoo, diesen vertrauten Duft nach Mandeln, den ich seit vierzehn Jahren kenne.

„Weißt du, was ich gerade fühle?“, flüsterte sie.

„Was?“

„Dass ich dich zum ersten Mal seit Langem wieder richtig sehe. Nicht den Markus, der die Spülmaschine ausräumt und sich über die Steuererklärung aufregt. Sondern dich.“

Danach

Wir saßen noch lange so da. Wir redeten über alles Mögliche – über die ersten Jahre, über die Zeit, als die Kinder klein waren und wir vor Müdigkeit kaum noch miteinander gesprochen haben, über Dinge, die wir uns gewünscht und nie gesagt hatten. Es war, als hätte mein Geständnis einen Damm gebrochen. Nicht nur bei mir.

Irgendwann nach Mitternacht stand Nina auf, nahm meine Hand und zog mich hoch.

„Komm“, sagte sie. „Ich will nicht mehr reden.“

Ihr Blick war einer, den ich lange nicht gesehen hatte. Ich folgte ihr die Treppe hinauf, und das Letzte, woran ich mich klar erinnere, ist, wie sie sich in der Schlafzimmertür noch einmal zu mir umdrehte und lächelte.

Am nächsten Morgen weckte mich der Geruch von Kaffee. Nina saß auf der Bettkante, zwei Tassen in der Hand, und reichte mir eine.

„Ich hab nachgedacht“, sagte sie.

Ich setzte mich auf, plötzlich hellwach. „Und?“

„Und ich bin froh, dass du es mir erzählt hast.“ Sie pustete in ihren Kaffee. „Das ist alles, was ich heute weiß. Der Rest kommt, wenn er kommt.“

Ich hätte mir keine bessere Antwort wünschen können. Nichts war entschieden, nichts war passiert. Und trotzdem war alles anders. Zwischen uns lag kein Geheimnis mehr – nur noch eine offene Tür, durch die wir irgendwann gemeinsam gehen konnten. Oder auch nicht.

Zum ersten Mal seit Jahren hatte ich keine Angst mehr vor dem, was dahinter liegen könnte.

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