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Compersion wissenschaftlich betrachtet: Kann man Mitfreude lernen?

    Frau im Kleid – Compersion lernen

    Stell dir vor, deine Partnerin kommt strahlend nach Hause, weil sie einen schönen Abend mit jemand anderem hatte – und du freust dich ehrlich für sie. Für manche klingt das unvorstellbar, für andere ist es ein Gefühl, das sie kennen und schätzen. In polyamoren und offenen Communitys gibt es dafür einen eigenen Begriff: Compersion.

    Lange war Compersion vor allem ein Begriff aus Erfahrungsberichten. Inzwischen beschäftigt sich auch die Wissenschaft damit. In diesem Artikel erfährst du, was Forschende unter Compersion verstehen, was Studien über ihre Entstehung herausgefunden haben – und welche praktischen Schlüsse sich daraus für dich und deine Beziehung ziehen lassen. Die zentrale Frage dabei: Kann man Mitfreude lernen?

    Was ist Compersion?

    Die Psychologin Sharon Flicker und ihre Kolleginnen definieren Compersion als positive Gefühle – etwa Freude, Begeisterung oder Zufriedenheit –, die man in Reaktion auf die einvernehmliche intime Beziehung des Partners zu einer anderen Person erleben kann (Flicker, Thouin-Savard & Vaughan, 2022). Rhonda Balzarini und Kollegen beschreiben es ähnlich als Freude daran, dass der Partner in anderen sexuellen oder romantischen Begegnungen Lust und Glück erlebt (Balzarini et al., 2021).

    Eine Forschungsgruppe aus Polen fasst zusammen, dass Compersion in Communitys einvernehmlicher Nicht-Monogamie, besonders in der Polyamorie, ein sehr erwünschtes Gefühl ist (Buczel, Szyszka & Mara, 2024). Eine Einführung in den Begriff findest du auch auf unserer Seite zu Compersion.

    Drei Spielarten von Compersion

    Flicker und Sancier-Barbosa (2024) unterscheiden drei Unterformen:

    • Zufriedenheit mit den bestehenden Beziehungen des Partners zu anderen Menschen,
    • Begeisterung über neue oder sich anbahnende intime Kontakte des Partners,
    • sexuelle Erregung beim Gedanken an den Partner mit einer anderen Person.

    Gerade die dritte Form dürfte vielen Lesern dieser Seite bekannt vorkommen. Interessant: In der untersuchten Stichprobe wurde diese sexuelle Variante eher schwach bejaht, und sie hatte andere Einflussfaktoren als die beiden anderen Formen. Compersion ist also nicht dasselbe wie eine Cuckold-Fantasie – auch wenn sich beides überschneiden kann.

    Ist Compersion das Gegenteil von Eifersucht?

    Das wird oft angenommen, die Forschung zeichnet aber ein anderes Bild. Balzarini und Kollegen befragten über 3.500 polyamore und rund 1.350 monogame Menschen dazu, wie sie auf hypothetische Situationen reagieren würden, in denen ihr Partner Interesse an jemand anderem zeigt. Ihr Fazit: Compersion und Eifersucht sind keine Gegenpole. Menschen können beides gleichzeitig empfinden (Balzarini et al., 2021).

    Auch in der qualitativen Studie von Flicker et al. (2022) berichteten Teilnehmende ganz unterschiedliche Erfahrungen zum Verhältnis von Eifersucht und Compersion. Für dich bedeutet das: Wenn du Eifersucht spürst, heißt das nicht, dass Compersion für dich unerreichbar ist. Und wenn du Compersion spürst, heißt das nicht, dass nie wieder Eifersucht auftaucht. Mehr zum Umgang mit diesem Gefühlsmix findest du im Beitrag „Eifersucht erregt mich“.

    Was begünstigt Compersion? Der Forschungsstand

    Die Sicht der Betroffenen

    In einer qualitativen Studie befragten Flicker, Thouin-Savard und Vaughan (2022) 44 Menschen in einvernehmlich nicht-monogamen Beziehungen, die Compersion bereits erlebt hatten. Am häufigsten nannten sie als förderlich:

    • ein gutes Selbstwertgefühl,
    • das Gefühl, in der eigenen Beziehung sicher zu sein und dass die eigenen Bedürfnisse erfüllt werden,
    • gute Kommunikation mit dem Partner,
    • eine positive Haltung gegenüber dem anderen Partner des Partners (in der Szene „Metamour“ genannt).

    Spannend: Die Teilnehmenden waren sich nicht einig, ob die Fähigkeit zu Compersion angeboren oder erlernt ist.

    Die Zahlen dazu

    In einer Folgestudie mit 255 Teilnehmenden prüften Flicker und Sancier-Barbosa (2024) diese Ideen quantitativ. Am stärksten bestätigt wurden:

    • Nähe zum Metamour und Wissen über die Beziehung zwischen Partner und Metamour – beides ging mit mehr Compersion einher,
    • Eifersucht, Neid und Bindungsangst – diese gingen mit weniger Compersion einher.

    Persönlichkeitsmerkmale auf individueller Ebene waren dagegen nur schwache Vorhersagefaktoren. Das ist eine ermutigende Botschaft: Compersion scheint weniger eine Frage des Charakters zu sein als eine Frage der Beziehungsbedingungen.

    Empathie und Achtsamkeit

    Die polnische Studie fand, dass kognitive Empathie – also die Fähigkeit, die Perspektive des anderen nachzuvollziehen – Compersion vorhersagte (Buczel et al., 2024). Eine weitere Studie mit 122 polyamoren Menschen zeigte, dass Achtsamkeit mit mehr Compersion und mit weniger Eifersucht zusammenhing. Der Zusammenhang mit weniger Eifersucht lief dabei unter anderem über bessere Emotionsregulation und eine höhere Fähigkeit, unangenehme Gefühle auszuhalten (Clemons-Castaños & Flicker, 2025).

    Tipp: Compersion entsteht dort, wo sich beide sicher fühlen – und Sicherheit entsteht durch Gespräche, in denen niemand gedrängt wird. Ein respektvoller Gesprächsrahmen ist dafür die beste Grundlage. Mehr zur Swartz Methode

    Kann man Compersion lernen?

    Eine endgültige Antwort hat die Forschung noch nicht – es gibt bislang keine Studien, die ein Training für Compersion systematisch geprüft hätten. Aber mehrere Befunde deuten darauf hin, dass Compersion sich entwickeln kann:

    • Erfahrung verändert Gefühle. Bei Balzarini et al. (2021) sagte persönliche Erfahrung damit, dass ein Partner romantisches Interesse an anderen hatte, mehr erwartete Compersion und weniger Eifersucht vorher – und zwar besonders deutlich bei Monogamen.
    • Beziehungsfaktoren zählen mehr als Persönlichkeit. Die stärksten Einflussgrößen – Nähe, Wissen, Bindungssicherheit – sind veränderbar (Flicker & Sancier-Barbosa, 2024).
    • Trainierbare Fähigkeiten spielen mit. Achtsamkeit, Emotionsregulation und Perspektivübernahme gelten allgemein als erlernbar und hängen mit Compersion zusammen (Buczel et al., 2024; Clemons-Castaños & Flicker, 2025).

    Flicker und Sancier-Barbosa (2024) schlagen ausdrücklich vor, Interventionen zu entwickeln, die Eifersucht und Neid verringern und Bindungssicherheit stärken – mit dem möglichen Zusatznutzen, Compersion zu fördern. Wichtig bleibt: Diese Studien zeigen Zusammenhänge, keine bewiesenen Ursachen.

    Warum sich Compersion für die Beziehung lohnen kann

    Balzarini et al. (2021) fanden, dass erwartete Compersion mit höherer Beziehungszufriedenheit einherging – Eifersucht und gemischte Gefühle dagegen nicht mit geringerer. In der polnischen Studie hing Compersion indirekt mit höherer Zufriedenheit zusammen, und zwar über weniger Eifersucht. Bei polyamoren Menschen sagte sie die Zufriedenheit auch direkt vorher; in offenen Beziehungen war dagegen die kognitive Empathie der direkte Vorhersagefaktor (Buczel et al., 2024).

    Auch ein internationales Team, das Praktiken zur Pflege nicht-monogamer Beziehungen erfasst hat, führt Compersion als einen von neun Bausteinen auf – neben offener Kommunikation über Eifersucht und dem Ansprechen von Anziehung zu anderen (Mogilski et al., 2026).

    Praktische Ableitungen: So könnt ihr Compersion Raum geben

    Aus den Studien lassen sich behutsame, praktische Schritte ableiten. Sie sind keine Garantie, aber eine gut begründete Richtung:

    1. Sicherheit vor Freiheit

    Bindungssicherheit und das Gefühl, dass die eigenen Bedürfnisse erfüllt sind, gehören zu den wichtigsten Faktoren. Sorgt also zuerst dafür, dass eure Beziehung selbst ein sicherer Hafen ist. Der kostenlose Paar-Check kann euch helfen, eure Ausgangslage einzuschätzen.

    2. Transparenz statt Rätselraten

    Wissen über die Beziehung zwischen Partner und Metamour ging mit mehr Compersion einher. Vereinbart, wie viel ihr voneinander wissen wollt – nicht als Kontrolle, sondern als Vertrauensbasis. Unser Leitfaden zu Regeln und Grenzen unterstützt euch dabei.

    3. Eifersucht nicht wegdrücken

    Da Eifersucht und Compersion nebeneinander existieren können, muss Eifersucht nicht „besiegt“ werden. Sprecht sie an, benennt sie, nehmt sie ernst. Achtsamkeit und das bewusste Aushalten unangenehmer Gefühle können helfen.

    4. Perspektive wechseln

    Versuche, die Freude deiner Partnerin aus ihrer Sicht zu sehen: Was bedeutet diese Erfahrung für sie? Kognitive Empathie war in den Studien ein wichtiger Baustein.

    5. Kleine Schritte, echte Zustimmung

    Erfahrung kann Gefühle verändern – aber nur, wenn sie freiwillig und in einem Tempo geschieht, das für beide passt. Niemand sollte zu Erfahrungen gedrängt werden, um „Compersion zu üben“.

    Wenn Eifersucht, Verlustangst oder Unsicherheit dich stark belasten, ist das kein Versagen. Eine Paartherapie oder Sexualberatung mit Erfahrung in nicht-monogamen Beziehungsformen kann euch helfen, diese Gefühle gemeinsam zu sortieren.

    Zum Weiterarbeiten: Im Arbeitsbuch „Eifersucht verstehen und überwinden“ findest du einen Selbsttest, einen SOS-Plan für akute Momente und Übungen, mit denen du und deine Partnerin Schritt für Schritt sicherer werdet – 89 Seiten zum Ausfüllen für 19 €.

    Häufige Fragen

    Ist Compersion das Gegenteil von Eifersucht?

    Nein. Die Forschung zeigt, dass Menschen beide Gefühle gleichzeitig erleben können (Balzarini et al., 2021). Compersion verdrängt Eifersucht nicht zwangsläufig, kann aber neben ihr bestehen.

    Ist Compersion dasselbe wie eine Cuckold-Fantasie?

    Nicht ganz. Sexuelle Erregung beim Gedanken an den Partner mit jemand anderem wird als eine Unterform von Compersion beschrieben, hat aber andere Einflussfaktoren als die eher emotionale Mitfreude (Flicker & Sancier-Barbosa, 2024).

    Kann jeder Compersion lernen?

    Das ist wissenschaftlich noch offen. Die Befunde sprechen aber dafür, dass veränderbare Faktoren wie Bindungssicherheit, Kommunikation, Erfahrung und Achtsamkeit eine größere Rolle spielen als feste Persönlichkeitsmerkmale.

    Muss ich Compersion empfinden, damit eine offene Beziehung funktioniert?

    Nein. Compersion hängt mit Zufriedenheit zusammen, ist aber keine Pflicht. Viele Paare erleben eher neutrale Akzeptanz – auch das kann eine stabile Grundlage sein.

    Quellen

    1. Balzarini, R. N., McDonald, J. N., Kohut, T., Lehmiller, J. J., Holmes, B. M. & Harman, J. J. (2021). Compersion: When Jealousy-Inducing Situations Don’t (Just) Induce Jealousy. Archives of Sexual Behavior, 50, 1311–1324. https://doi.org/10.1007/s10508-020-01853-1
    2. Buczel, K. A., Szyszka, P. D. & Mara, I. (2024). Exploring Compersion: A Study on Polish Consensually Non-Monogamous Individuals and Adaptation of the COMPERSe Questionnaire. Archives of Sexual Behavior, 53, 3285–3307. https://doi.org/10.1007/s10508-024-02930-5
    3. Clemons-Castaños, C. R. & Flicker, S. M. (2025). Polyamorous Individuals’ Jealous and Compersive Responses to Their Partner’s New Relationship Energy: The Role of Mindfulness, Emotion Regulation, Distress Tolerance, and Empathy. Journal of Marital and Family Therapy, 51, e70068. https://doi.org/10.1111/jmft.70068
    4. Flicker, S. M., Thouin-Savard, M. I. & Vaughan, M. D. (2022). Factors that Facilitate and Hinder the Experience of Compersion Among Individuals in Consensually Non-Monogamous Relationships. Archives of Sexual Behavior, 51, 3035–3048. https://doi.org/10.1007/s10508-022-02333-4
    5. Flicker, S. M. & Sancier-Barbosa, F. (2024). Your Happiness Is My Happiness: Predicting Positive Feelings for a Partner’s Consensual Extra-Dyadic Intimate Relations. Archives of Sexual Behavior, 53, 941–958. https://doi.org/10.1007/s10508-023-02766-5
    6. Mogilski, J. K., Miller, G. F., Jonason, P. K. et al. (2026). How Do People Maintain Consensual Non-Monogamy? An International Development and Validation of the Multiple Relationships Maintenance Scale. Archives of Sexual Behavior, 55, 517–545. https://doi.org/10.1007/s10508-025-03334-9
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