Du willst so etwas mit deiner eigenen Partnerin erleben? So sprichst du sie darauf an – ohne sie zu überrumpeln
Ich wachte um zehn nach sechs auf, und für drei, vielleicht vier Sekunden war alles normal. Das graue Licht hinter dem Vorhang. Das Brummen des Kühlschranks aus der Küche. Katrins Atem neben mir, ruhig und tief, eine Hand unter dem Kissen, wie immer.
Dann fiel es mir wieder ein.
Gestern Abend. Das Restaurant am Hafen. Michael. Katrins Blick, als sie aufstand und ihre Jacke nahm. Die Stunden danach, in denen ich allein in unserer Wohnung saß und so tat, als würde ich einen Film schauen, dessen Titel ich heute nicht mehr nennen könnte.
Und dann, kurz vor zwei, der Schlüssel im Schloss.
Das Gedankenkarussell
Ich lag still und starrte an die Decke. Fünfundvierzig Jahre alt, seit sechzehn Jahren verheiratet, und ich hatte keine Ahnung, was ich fühlte.
Nein, das stimmt nicht. Ich wusste genau, was ich fühlte. Ich fühlte alles gleichzeitig, und genau das war das Problem.
Da war Eifersucht, natürlich. Ein dumpfer, ziehender Druck hinter dem Brustbein, der sich meldete, sobald ich mir vorstellte, wie Michael ihr die Tür aufhielt. Wie er sie ansah. Ich hatte mir diesen Moment jahrelang ausgemalt, in meinen Fantasien war er immer aufregend gewesen, berauschend. Die Wirklichkeit hatte einen Beigeschmack, mit dem ich nicht gerechnet hatte.
Aber da war auch etwas anderes. Etwas, das ich mir kaum einzugestehen traute. Ein Stolz, der sich warm in mir ausbreitete. Katrin war gestern Abend so schön gewesen. Nicht nur wegen des Kleides oder der hochgesteckten Haare. Sondern wegen der Art, wie sie sich bewegt hatte. Selbstbewusst. Frei. Als hätte sie etwas wiederentdeckt, das in den Jahren zwischen Elternabenden, Hypothek und Dienstreisen irgendwo verloren gegangen war.
Und da war Angst. Die leise, hartnäckige Frage, die mich die halbe Nacht wach gehalten hatte: Was, wenn sich jetzt etwas verändert hat? Was, wenn sie mich heute anders ansieht?
Ich stand vorsichtig auf, um sie nicht zu wecken, und ging in die Küche.
Kaffee
Ich machte das, was ich immer mache, wenn mein Kopf zu voll ist: Ich kochte. Rührei mit Schnittlauch, so wie sie es mag, mit einer Prise Muskat. Ich schnitt Tomaten, toastete Brot, presste Orangen aus. Die Siebträgermaschine zischte. Es hatte etwas Beruhigendes, etwas Handfestes. Wenigstens das hier konnte ich richtig machen.
Ich hörte sie, bevor ich sie sah. Das leise Tappen nackter Füße auf den Dielen. Dann stand sie in der Küchentür, in meinem alten Uni-Pullover, die Haare zerzaust, die Wimperntusche von gestern noch leicht verschmiert.
Sie sah mich an. Ich sah sie an.
„Morgen“, sagte sie leise.
„Morgen.“
Dann lächelte sie, ein vorsichtiges, fragendes Lächeln, und ich merkte, dass sie genauso unsicher war wie ich. Diese Erkenntnis traf mich mit einer Wucht, die ich nicht erwartet hatte. Ich hatte die ganze Nacht nur an meine eigenen Gefühle gedacht. Nicht daran, dass sie vielleicht auch wach gelegen hatte, sich fragend, wie ich heute Morgen sein würde.
„Du hast Rührei gemacht“, sagte sie.
„Mit Muskat.“
„Natürlich mit Muskat.“ Ihre Stimme wackelte ein bisschen. Sie kam auf mich zu, blieb kurz vor mir stehen, und dann schlang sie die Arme um mich und drückte ihr Gesicht an meine Brust.
Wir standen eine ganze Weile so da, während das Rührei in der Pfanne langsam zu trocken wurde.
Das Gespräch
Wir saßen am Küchentisch, uns gegenüber, die Hände um die Kaffeetassen gelegt. Draußen fing es an zu nieseln. Katrin hatte kaum etwas gegessen, und ich auch nicht.
„Wir haben gesagt, wir reden darüber“, begann sie schließlich.
„Ja.“
„Willst du anfangen, oder soll ich?“
Ich drehte meine Tasse auf dem Unterteller. „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“
„Dann sag mir einfach, wie es dir geht. Ehrlich. Nicht die Version, von der du glaubst, dass ich sie hören will.“
Ich holte tief Luft. „Ich bin eifersüchtig“, sagte ich. „Mehr, als ich gedacht hätte. Als du gestern gegangen bist, war es noch aufregend. Aber so gegen elf saß ich auf dem Sofa und dachte, was machen wir hier eigentlich. Und dann habe ich mich dafür geschämt, dass ich so denke, weil es ja meine Idee war. Meine Fantasie. Ich habe dich jahrelang darum gebeten, und jetzt …“
„Und jetzt ist es real“, sagte sie leise.
„Ja.“
Sie nickte langsam. „Danke, dass du das sagst.“
„Aber das ist nicht alles“, fuhr ich fort, und meine Stimme wurde fester. „Als du nach Hause gekommen bist und dich zu mir ins Bett gelegt hast – Katrin, ich war so erleichtert. Und so … ich weiß nicht. Stolz klingt komisch. Aber das ist das Wort. Ich war stolz auf dich. Dass du dich das getraut hast. Dass du so strahlend warst, gestern Abend. Und dass du trotzdem zu mir zurückgekommen bist.“
Sie sah mich lange an, und ich sah, wie ihre Augen feucht wurden.
„Ich dachte, du würdest heute Morgen anders sein“, flüsterte sie. „Kalt. Oder distanziert. Ich hatte solche Angst davor.“
Ihre Seite
„Jetzt du“, sagte ich und griff über den Tisch nach ihrer Hand.
Katrin atmete hörbar aus. „Es war schön“, sagte sie. „Ich will dir nichts vormachen. Michael war aufmerksam und lustig, und es hat sich gut angefühlt, so gesehen zu werden. Als Frau, nicht als Mutter oder als die, die immer an alles denkt.“ Sie zögerte. „Aber das Merkwürdige war: Ich habe die ganze Zeit an dich gedacht. Nicht auf eine schlechte Art. Eher so, als wärst du der Grund, warum ich mich überhaupt sicher genug gefühlt habe. Weil ich wusste, dass du zu Hause bist. Dass wir das zusammen beschlossen haben.“
„Hast du es bereut?“, fragte ich. „Irgendwann?“
Sie dachte nach. Sie dachte wirklich nach, und dafür liebte ich sie in diesem Moment noch ein bisschen mehr.
„Auf der Heimfahrt im Taxi“, sagte sie dann. „Fünf Minuten lang. Ich hatte plötzlich Angst, dass ich etwas kaputt gemacht habe. Zwischen uns. Und dann bin ich reingekommen, und du hast das Licht angemacht und mich angesehen, und ich wusste: Nein. Nichts ist kaputt.“
„Nichts ist kaputt“, wiederholte ich.
„Aber ich will etwas wissen.“ Sie drückte meine Hand fester. „Wenn es dir zu viel wird – wenn die Eifersucht irgendwann größer ist als das andere –, dann sagst du es mir. Sofort. Ich will nicht, dass du das für mich aushältst. Das hier funktioniert nur, wenn es uns beiden guttut.“
„Und wenn es dir zu viel wird, sagst du es auch.“
„Abgemacht.“
Was bleibt
Wir räumten zusammen den Tisch ab. Das Rührei war längst kalt, und wir lachten darüber, ein bisschen zu laut, wie man eben lacht, wenn man gerade etwas sehr Ernstes überstanden hat. Katrin spülte, ich trocknete ab. Ganz normale Handgriffe, die wir seit sechzehn Jahren machen.
Und trotzdem war etwas anders. Nicht schlechter. Nur anders.
Ich ertappte mich dabei, wie ich sie ansah, während sie die Pfanne schrubbte. Die feinen Linien um ihre Augen, die Sommersprossen auf ihrem Handgelenk, die Art, wie sie die Unterlippe vorschiebt, wenn sie sich konzentriert. Ich kannte das alles auswendig. Und trotzdem sah ich es heute zum ersten Mal seit Langem wieder richtig.
„Was ist?“, fragte sie, ohne aufzublicken.
„Nichts“, sagte ich. „Ich hab nur gerade gedacht, dass ich dich ziemlich gern habe.“
Sie drehte sich um, Schaum an den Händen, und küsste mich. Lange. So, wie sie mich schon ewig nicht mehr geküsst hatte – nicht flüchtig, nicht zwischen Tür und Angel, sondern mit voller Absicht.
„Weißt du was?“, sagte sie, als sie sich von mir löste. „Ich glaube, das Wichtigste an gestern war gar nicht gestern. Sondern heute Morgen. Dieses Frühstück.“
Ich wusste genau, was sie meinte.
Die Eifersucht war noch da, irgendwo, als leises Echo. Vermutlich würde sie nicht so schnell verschwinden, und vielleicht musste sie das auch nicht. Aber sie war nicht mehr das Lauteste in mir. Das Lauteste war die Gewissheit, dass wir uns heute Morgen gegenseitig aufgefangen hatten. Ohne Netz, ohne Drehbuch. Einfach, weil wir ehrlich waren.
Draußen hatte der Nieselregen aufgehört. Katrin trocknete sich die Hände ab, nahm meine und zog mich Richtung Flur.
„Komm“, sagte sie. „Der Abwasch kann warten.“
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