Du willst so etwas mit deiner eigenen Partnerin erleben? So sprichst du sie darauf an – ohne sie zu überrumpeln
Das Kleid war schwarz, schlicht, knielang. Ich hatte drei andere anprobiert und wieder aufs Bett geworfen, bis Jan im Türrahmen stand und sagte: „Das da. Das ist es.“ Er hatte recht. Er hat bei solchen Dingen meistens recht, was ich ihm natürlich nie sage.
Jetzt saß ich in diesem Kleid an der Bar des Hotels Kranich, ein Glas Rioja vor mir, und versuchte, so zu tun, als wäre das hier ein ganz normaler Dienstagabend. Als wäre ich nicht eine sechsunddreißigjährige Projektleiterin, die gleich zum ersten Mal in ihrem Leben einen fremden Mann treffen würde – mit dem Wissen und dem Segen ihres Ehemannes.
Der übrigens vier Plätze weiter saß und so tat, als würde er mich nicht kennen.
Die Regeln
Wir hatten wochenlang darüber geredet. Erst zögernd, dann immer offener, an Abenden, die oft bis zwei Uhr nachts dauerten. Was wir uns vorstellten. Wovor wir Angst hatten. Was auf keinen Fall passieren durfte.
Am Ende hatten wir drei Regeln aufgeschrieben, auf einen Zettel, den ich jetzt in meiner Handtasche trug wie einen Talisman.
Erstens: Ich entscheide. Über alles. Ob es weitergeht, wie weit, wann Schluss ist.
Zweitens: Das Wort „Lavendel“. Wenn einer von uns es sagt oder schreibt, ist der Abend sofort vorbei. Keine Fragen, keine Diskussion, keine Vorwürfe. Wir hatten es gewählt, weil es in keinem normalen Gespräch an einer Hotelbar vorkommt.
Drittens: Wir reden danach. Egal wie spät, egal wie es gelaufen ist.
Ich warf einen Blick zu Jan. Er hatte ein Bier vor sich und blätterte in irgendeiner Zeitung, aber ich sah, wie sein Fuß unter dem Barhocker wippte. Als sich unsere Blicke kurz trafen, hob er einen Mundwinkel. Kaum sichtbar. Nur für mich.
Du schaffst das, hieß das. Oder vielleicht auch: Ich bin genauso nervös wie du.
David
Er kam pünktlich um halb neun. Ich erkannte ihn sofort von den Fotos – groß, Anfang vierzig, graumelierte Schläfen, ein dunkelblaues Hemd mit offenem Kragen. Wir hatten uns über eine Plattform für Paare gefunden und zwei Wochen lang geschrieben, dann einmal telefoniert. Er war geschieden, Architekt, und er hatte mir gleich in der ersten Nachricht geschrieben, dass er Diskretion und klare Absprachen schätzt. Das hatte mehr Eindruck auf mich gemacht als jedes Kompliment.
„Sarah?“ Er lächelte, und dieses Lächeln war in echt noch besser als auf dem Bildschirm. Ein bisschen schief, ein bisschen unsicher. „Ich hoffe, ich bin nicht zu spät.“
„Auf die Minute“, sagte ich. „Ich bin nur zu früh. Die Nervosität.“
„Da sind wir schon zwei.“ Er setzte sich neben mich und bestellte einen Gin Tonic. „Ich mache so etwas auch nicht jeden Tag, falls dich das beruhigt.“
Es beruhigte mich tatsächlich.
Wir redeten. Erst über Belangloses – den Regen, das Hotel, seine Fahrt hierher. Dann über seine Arbeit, über ein Museum in Porto, das er entworfen hatte, über meine Leidenschaft für schlechte Science-Fiction-Filme aus den Achtzigern. Er lachte an den richtigen Stellen. Er stellte Fragen und hörte sich die Antworten an. Und irgendwann merkte ich, dass ich nicht mehr jede Minute an Jan dachte.
Das war der Moment, in dem mich ein kleiner Schreck durchfuhr.
Der Blick
Ich drehte den Kopf. Jan saß noch da, die Zeitung lag jetzt zusammengefaltet neben seinem Glas. Er sah mich an. Nicht verstohlen, nicht eifersüchtig – sondern auf eine Art, die mir den Atem nahm. Da war Anspannung in seinem Gesicht, ja. Aber auch etwas anderes. Etwas Warmes, fast Stolzes.
Ich hielt seinen Blick länger, als ich sollte. David bemerkte es, natürlich.
„Ist er das?“, fragte er leise.
„Ja.“
„Er sieht aus, als würde er dich sehr lieben.“
Ich musste schlucken. „Tut er.“
„Gut.“ David nickte, als hätte ich ihm etwas Wichtiges bestätigt. „Dann sind wir alle auf der sicheren Seite.“
Mein Handy vibrierte. Eine Nachricht von Jan, nur zwei Wörter:
Alles gut?
Ich tippte zurück: Ja. Er ist nett. Bei dir?
Die Antwort kam sofort. Ich bin aufgeregt. Und du siehst umwerfend aus.
Ich legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tresen und spürte, wie mir die Hitze in die Wangen stieg. Es war absurd. Ich saß hier mit einem attraktiven Fremden, und das, was mich am meisten berührte, war eine Nachricht meines eigenen Mannes.
Die Frage
Gegen zehn wurde die Bar leerer. Das Licht schien gedämpfter, die Musik leiser. David hatte sich mir zugewandt, sein Knie berührte meines, und keiner von uns rückte weg.
„Ich will dich nichts fragen, was du nicht beantworten willst“, sagte er. „Aber ich habe oben ein Zimmer. Und ich würde mich freuen, wenn du mitkommst. Wenn nicht, war das trotzdem einer der schönsten Abende, die ich seit Langem hatte. Ehrlich.“
Ich sah ihn an. Dann sah ich zu Jan.
Das war der Moment, vor dem ich mich wochenlang gefürchtet hatte. Und auf den ich mich gefreut hatte. Beides gleichzeitig, untrennbar ineinander verschlungen.
Ich griff nach meinem Handy. Er hat gefragt, schrieb ich. Ich will. Wenn du auch willst.
Die drei Punkte erschienen. Verschwanden. Erschienen wieder. Ich hielt den Atem an.
Ich will, dass du tust, was du willst. Ich bin hier. Ich warte auf dich. Und denk dran – ein Wort genügt.
Ich drehte mich noch einmal zu Jan um. Er nickte, ganz langsam. Dann legte er die Hand auf sein Herz.
Ich stand auf.
„Okay“, sagte ich zu David. „Lass uns gehen.“
Im Aufzug standen wir nebeneinander, ohne uns zu berühren. Die Ziffern leuchteten auf, eine nach der anderen. Dritter Stock. Vierter. Fünfter. Mein Herz schlug so laut, dass ich sicher war, er müsste es hören. David sah mich von der Seite an.
„Du kannst es dir jederzeit anders überlegen“, sagte er. „Auch an der Tür. Auch danach.“
„Ich weiß“, sagte ich. Und zum ersten Mal an diesem Abend war ich vollkommen ruhig.
Die Tür von Zimmer 512 fiel leise hinter uns ins Schloss.
Später
Es war kurz nach eins, als ich zurück in unser eigenes Zimmer kam, zwei Etagen tiefer. Jan saß im Sessel am Fenster, noch angezogen, ein Glas Wasser in der Hand. Er hatte nicht geschlafen. Natürlich nicht.
Er stand auf, als ich hereinkam, und für einen Moment standen wir einfach nur da und sahen uns an.
„Hey“, sagte er.
„Hey.“
Dann war ich in seinen Armen, und ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte, also tat ich ein bisschen von beidem. Er hielt mich fest, seine Hand in meinem Haar, und flüsterte immer wieder: „Ich bin da. Ich bin da.“
Irgendwann lagen wir nebeneinander auf dem Bett, ich in seinem T-Shirt, er auf der Seite, den Kopf auf die Hand gestützt.
„Wie geht es dir?“, fragte er.
„Gut. Verwirrt. Glücklich.“ Ich suchte nach Worten. „Es war schön. Er war sehr respektvoll. Aber das Seltsamste ist: Die ganze Zeit hatte ich das Gefühl, dass du irgendwie dabei bist. Nicht im Raum. Aber in mir. Als würde ich es auch für uns tun.“
Jan schwieg einen Moment. „Ich war eifersüchtig“, gab er dann zu. „Als ihr in den Aufzug gestiegen seid, hat es richtig wehgetan. Für ein paar Minuten habe ich gedacht, was haben wir da nur gemacht.“
Ich setzte mich auf. „Und dann?“
„Dann habe ich an dein Gesicht an der Bar gedacht. Wie du gelacht hast. Wie lebendig du ausgesehen hast.“ Er strich mir eine Strähne aus der Stirn. „Und dann war da dieses Gefühl, das ich nicht richtig erklären kann. So eine Mischung aus Sehnsucht und Stolz. Dass du so begehrt wirst. Und dass du am Ende trotzdem zu mir zurückkommst.“
„Ich komme immer zu dir zurück“, sagte ich. „Das war nie die Frage.“
Er zog mich an sich. Wir redeten bis zum Morgengrauen – über jede Minute des Abends, über jeden Gedanken, jede Angst. Ich erzählte ihm, was ich erzählen wollte, und er fragte nur nach dem, was er wissen wollte. Nichts davon fühlte sich falsch an.
Als draußen die ersten Vögel anfingen, flüsterte Jan in mein Haar: „Du hast das Wort nicht gebraucht.“
„Nein“, sagte ich und schloss die Augen. „Aber ich bin froh, dass es da war.“
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