Vielleicht kennst du das: Ein Gedanke taucht immer wieder auf, er erregt dich – und gleichzeitig fragst du dich, ob mit dir etwas nicht stimmt. Die Vorstellung, dass deine Partnerin mit einem anderen Mann intim wird, gehört für viele Männer (und auch für manche Frauen) genau zu dieser Sorte Gedanken. Die gute Nachricht vorweg: Die Sexualforschung hat sich dieses Themas in den letzten Jahren ernsthaft angenommen. Und ihre Befunde sind deutlich entspannter als das, was viele befürchten.
In diesem Artikel schauen wir uns an, was seriöse Studien tatsächlich über Cuckold-Fantasien wissen: wie verbreitet sie sind, wer sie hat, was Forschende über die Hintergründe herausgefunden haben – und wo die Grenzen dieses Wissens liegen.
Was mit „Cuckolding“ in der Forschung gemeint ist
In der Fachliteratur wird Cuckolding (manchmal auch „Troilismus“ genannt) als sexuelles Interesse beschrieben, bei dem jemand Erregung daraus zieht, dass die romantische Partnerin oder der Partner sexuell mit einer anderen Person aktiv ist (Lehmiller, Ley & Savage, 2018). Entscheidend ist: In der Forschung geht es um einvernehmliche Szenarien. Das unterscheidet Cuckolding grundlegend von Untreue, bei der jemand hintergangen wird.
Der US-Sozialpsychologe Justin Lehmiller unterscheidet in seinen Auswertungen außerdem zwei Spielarten:
- Voyeuristisches Cuckolding: Man stellt sich vor, zuzusehen (oder davon zu wissen), wie die Partnerin mit jemand anderem Sex hat.
- Exhibitionistisches Cuckolding: Man stellt sich vor, selbst mit jemand anderem Sex zu haben, während die Partnerin oder der Partner zusieht.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sich die Zahlen für Männer und Frauen je nach Spielart deutlich unterscheiden.
Wie verbreitet sind Cuckold-Fantasien?
Die große Fantasie-Studie von Justin Lehmiller
Die bekanntesten Zahlen stammen aus Lehmillers Befragung von 4.175 US-Amerikanerinnen und -Amerikanern zu ihren sexuellen Fantasien, die er in seinem Buch Tell Me What You Want veröffentlicht hat (Lehmiller, 2018). Auf seiner wissenschaftlichen Website hat er die Ergebnisse zum Thema Cuckolding später genauer aufgeschlüsselt (Lehmiller, 2020b):
- Voyeuristische Variante (der Partnerin zusehen): 52 % der heterosexuellen Männer und 66 % der schwulen und bisexuellen Männer hatten diese Fantasie schon einmal. Bei heterosexuellen Frauen waren es 26 %, bei nicht-heterosexuellen Frauen 42 %.
- Exhibitionistische Variante (beobachtet werden): Hier lagen heterosexuelle Frauen bei etwa 40 %, nicht-heterosexuelle Frauen bei 58 %, heterosexuelle Männer bei etwa 50 %.
Ein wichtiger Unterschied liegt in der Häufigkeit: Laut Lehmiller fantasieren 24 % der heterosexuellen Männer oft über die voyeuristische Variante. Ein gelegentlicher Gedanke ist also etwas anderes als ein zentrales Lieblingsszenario.
Bemerkenswert ist der Befund bei Frauen: Sie scheinen sich stärker zur Rolle der Begehrten hingezogen zu fühlen. Lehmiller vermutet, dass Frauen sich in Fantasien häufiger als Objekt der Begierde vorstellen – betont aber selbst, dass es sich um einen vorläufigen Blick handelt, der weitere Forschung braucht.
Offene Beziehungen als Fantasie – auch bei Monogamen
Eine zweite Studie von Lehmiller ist für Paare besonders aufschlussreich. Er befragte 822 Menschen, die in monogamen Beziehungen lebten (Lehmiller, 2020a). Fast ein Drittel (32,6 %) gab an, dass eine Form von sexuell offener Beziehung Teil ihrer absoluten Lieblingsfantasie sei. Die Mehrheit aller Befragten hatte mindestens einmal davon fantasiert. Wer solche Fantasien bereits mit dem Partner geteilt oder umgesetzt hatte, berichtete überwiegend von positiven Erfahrungen.
Das heißt nicht, dass jede Fantasie umgesetzt werden sollte. Aber es zeigt: Du bist mit diesen Gedanken alles andere als allein.
Warum „ungewöhnlich“ oft gar nicht ungewöhnlich ist
Eine kanadische Studie von Christian Joyal und Kollegen hat systematisch untersucht, welche sexuellen Fantasien statistisch selten sind (Joyal, Cossette & Lapierre, 2015). 1.516 Erwachsene bewerteten 55 verschiedene Fantasien. Das Ergebnis: Nur zwei Fantasien waren wirklich selten, neun weitere ungewöhnlich – aber dreißig waren für mindestens ein Geschlecht verbreitet. Die Autoren raten deshalb zur Vorsicht, bevor man eine Fantasie als „abweichend“ bezeichnet. Entscheidend sei, welche Wirkung eine Fantasie hat, nicht ihr Inhalt.
Eine aktuelle Übersichtsarbeit kommt zu einem ähnlichen Schluss: Nur wenige Fantasien sind statistisch ungewöhnlich, und was Menschen sich vorstellen, ist nicht automatisch dasselbe wie das, was sie real erleben wollen (Lehmiller & Gormezano, 2023).
Tipp: Eine Fantasie zu haben ist das eine – sie mit deiner Partnerin zu teilen, ohne sie zu überrumpeln, ist das andere. Respektvolle Kommunikation ist hier wichtiger als jede Technik. Mehr zur Swartz Methode
Wer hat Cuckold-Fantasien? Was die Daten über Persönlichkeit zeigen
Der Mythos vom „schwachen Mann“
Ein verbreitetes Vorurteil lautet, Cuckold-Fantasien seien ein Zeichen von geringem Selbstwert. Lehmiller hat das schon früh geprüft. In vorläufigen Ergebnissen aus den ersten 800 männlichen Befragten fand er einen sehr kleinen, aber statistisch signifikanten Zusammenhang – allerdings in die umgekehrte Richtung: Männer mit häufigeren Cuckold-Fantasien hatten tendenziell einen etwas höheren Selbstwert (Lehmiller, 2015). Er betonte selbst, dass dieser Zusammenhang sehr klein ist und nicht überinterpretiert werden sollte.
In der späteren großen Auswertung zeigte sich ein ähnliches Bild: Bei Männern aller Orientierungen und bei nicht-heterosexuellen Frauen hingen Cuckold-Fantasien mit höherem Selbstwert zusammen; bei heterosexuellen Frauen gab es keinen Zusammenhang (Lehmiller, 2020b). Wenn du mehr über dieses Thema lesen möchtest, findest du hier einen eigenen Beitrag zu Cuckolding und Selbstwert.
Eigenschaften, die häufiger auftauchen
Laut Lehmillers Auswertung gingen Cuckold-Fantasien über Geschlechter und Orientierungen hinweg mit bestimmten Merkmalen einher (Lehmiller, 2020b):
- einer insgesamt positiveren Einstellung zu Sexualität,
- einer stärkeren Neigung zu aufregenden, neuen Erfahrungen („Sensation Seeking“),
- der Sichtweise, dass Sex und Liebe voneinander getrennt werden können,
- häufigeren Fantasien über Gruppensex, BDSM, offene Beziehungen sowie Voyeurismus und Exhibitionismus,
- höherem Alter.
Die Studie an überwiegend schwulen Männern (N = 580) bestätigt Teile davon: Häufige Cuckold-Fantasien hingen mit verwandten Interessen wie Voyeurismus und Gruppensex zusammen, und der Inhalt der Fantasien variierte mit Persönlichkeitsmerkmalen wie Verträglichkeit, Sensation Seeking und Soziosexualität (Lehmiller, Ley & Savage, 2018). Interessant: Themen wie BDSM spielten in den Fantasien schwuler Männer eine geringere Rolle als in früheren Untersuchungen an heterosexuellen Männern.
Was reizt an der Fantasie?
Hier wird es ehrlicherweise komplizierter, denn eine einzige Erklärung gibt es nicht. Die Forschung bietet mehrere Puzzlestücke:
- Das Tabu: Im Gespräch mit CNN erklärte Lehmiller, Cuckolding sei für schwule Männer weniger tabu, weil lebenslange Monogamie dort eine schwächere Norm sei – die Fantasie könne aber aus anderen Gründen trotzdem erregend sein (Kerner, 2018). Im Umkehrschluss liegt nahe, dass der Tabubruch für heterosexuelle Männer einen Teil des Reizes ausmacht. Der Psychologe David Ley, Autor des Buches Insatiable Wives über Paare im sogenannten Hotwife-Lebensstil (Ley, 2009), beschreibt die Cuckold-Fantasie im selben Artikel als eine Erzählung, die gerade in einer Kultur entsteht, die Monogamie idealisiert.
- Neuheit und Intensität: Der Zusammenhang mit Sensation Seeking legt nahe, dass das Aufregende, Unvorhersehbare eine Rolle spielt.
- Die Partnerin als begehrenswert erleben: Die Compersion-Forschung beschreibt als eigene Spielart eine sexuelle Erregung, die durch den Gedanken an die Partnerin mit einer anderen Person ausgelöst wird (Flicker & Sancier-Barbosa, 2024). Dieser Aspekt ist eng verwandt mit dem Konzept der Compersion – der Freude am Glück des Partners.
- Eifersucht als Erregungsverstärker: Manche erleben genau das Ziehen der Eifersucht als erregend. Evolutionspsychologische Ansätze versuchen das mit der sogenannten Spermienkonkurrenz zu erklären – eine spannende, aber umstrittene Theorie. Mehr dazu liest du im Beitrag „Eifersucht erregt mich“.
Fantasie und Wirklichkeit: Was passiert, wenn Paare es ausprobieren?
Die Studie von Lehmiller, Ley und Savage (2018) fand, dass schwule Männer, die ihre Cuckold-Fantasien umgesetzt hatten, überwiegend von positiven Erfahrungen berichteten. Aber – und das ist der entscheidende Teil – ob die Erfahrung positiv war, hing von der Persönlichkeit und vom Bindungsstil ab.
Für dich heißt das: Die Fantasie allein sagt wenig darüber aus, ob eine Umsetzung euch guttun würde. Viel wichtiger sind eure Beziehungssicherheit, eure Kommunikation und klare Absprachen. Wer unsicher gebunden ist oder stark unter Verlustangst leidet, kann mit der Realität ganz anders umgehen als in der Vorstellung.
Was du konkret mitnehmen kannst
- Fantasie ist kein Auftrag. Viele Menschen genießen eine Fantasie, ohne sie je umzusetzen – und das ist völlig in Ordnung.
- Einvernehmlichkeit ist nicht verhandelbar. Deine Partnerin hat ein eigenes Begehren, eigene Grenzen und ein eigenes Tempo. Ein „Nein“ oder „Noch nicht“ ist eine vollwertige Antwort.
- Sprecht zuerst über Gefühle, nicht über Szenarien. Was reizt dich daran? Was würde ihr Angst machen? Unser Leitfaden zum Thema Cuckold-Fantasie ansprechen hilft dir beim Einstieg.
- Prüft eure Basis. Mit dem Gratis-Paar-Check könnt ihr einschätzen, wo ihr als Paar gerade steht.
Wo die Forschung an ihre Grenzen stößt
So hilfreich die Studien sind, ein ehrlicher Blick auf ihre Grenzen gehört dazu:
- Die meisten Daten stammen aus Online-Befragungen in den USA mit selbst ausgewählten Teilnehmenden. Sie sind nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung und erst recht nicht direkt auf Deutschland übertragbar.
- Viele Zahlen beruhen auf Selbstauskünften. Wie offen Menschen über Fantasien sprechen, hängt stark von Kultur und Scham ab.
- Zusammenhänge sind keine Ursachen. Dass Cuckold-Fantasien mit bestimmten Eigenschaften einhergehen, erklärt nicht, warum jemand sie hat.
- Über Frauen mit Cuckold- bzw. Hotwife-Fantasien gibt es noch deutlich weniger Forschung als über Männer.
Wenn dich eine Fantasie stark belastet, du dich zwanghaft getrieben fühlst oder sie eure Beziehung unter Druck setzt, ist eine Sexualberatung oder Paartherapie ein guter, unaufgeregter Schritt. Fachleute mit Erfahrung in sexueller Vielfalt können dir helfen, ohne zu urteilen.
Häufige Fragen
Ist es normal, Cuckold-Fantasien zu haben?
Statistisch gesehen ja. In Lehmillers großer Befragung hatte rund die Hälfte der heterosexuellen Männer schon einmal eine voyeuristische Cuckold-Fantasie (Lehmiller, 2020b). Fachleute raten ohnehin, Fantasien nach ihrer Wirkung auf dein Leben zu beurteilen, nicht nach ihrem Inhalt (Joyal et al., 2015).
Bedeutet die Fantasie, dass ich meine Partnerin nicht genug liebe?
Nein. Nichts in den vorliegenden Studien deutet darauf hin. Viele Menschen mit solchen Fantasien leben in liebevollen, stabilen Beziehungen. Die Fantasie sagt etwas über dein Begehren aus, nicht über den Wert deiner Beziehung.
Haben auch Frauen solche Fantasien?
Ja. Ein Viertel der heterosexuellen Frauen berichtete von der voyeuristischen Variante, rund 40 % von der exhibitionistischen – also davon, selbst begehrt und dabei beobachtet zu werden (Lehmiller, 2020b).
Muss ich die Fantasie umsetzen, damit sie „weggeht“?
Nein. Fantasien müssen weder verschwinden noch umgesetzt werden. Viele Paare teilen sie verbal, im Rollenspiel oder gar nicht – entscheidend ist, was für euch beide stimmig ist.
Quellen
- Flicker, S. M. & Sancier-Barbosa, F. (2024). Your Happiness Is My Happiness: Predicting Positive Feelings for a Partner’s Consensual Extra-Dyadic Intimate Relations. Archives of Sexual Behavior, 53, 941–958. https://doi.org/10.1007/s10508-023-02766-5
- Joyal, C. C., Cossette, A. & Lapierre, V. (2015). What exactly is an unusual sexual fantasy? The Journal of Sexual Medicine, 12(2), 328–340. https://doi.org/10.1111/jsm.12734
- Kerner, I. (2018). Cuckolding can be positive for some couples, study says. CNN (hier via WRAL.com). https://www.wral.com/archive/17288040/
- Lehmiller, J. J. (2015). Sex Question Friday: Do Men’s Cuckold Fantasies Stem From Low Self-Esteem? Sex and Psychology (Blog des Autors). https://www.sexandpsychology.com/?p=2114
- Lehmiller, J. J. (2018). Tell Me What You Want: The Science of Sexual Desire and How It Can Help You Improve Your Sex Life. Da Capo Lifelong Books.
- Lehmiller, J. J. (2020a). Fantasies About Consensual Nonmonogamy Among Persons in Monogamous Romantic Relationships. Archives of Sexual Behavior, 49, 2799–2812. https://doi.org/10.1007/s10508-020-01788-7
- Lehmiller, J. J. (2020b). How Many Women Fantasize About Cuckolding? Sex and Psychology (Blog des Autors). https://www.sexandpsychology.com/?p=3767
- Lehmiller, J. J. & Gormezano, A. M. (2023). Sexual fantasy research: A contemporary review. Current Opinion in Psychology, 49, 101496. https://doi.org/10.1016/j.copsyc.2022.101496
- Lehmiller, J. J., Ley, D. & Savage, D. (2018). The Psychology of Gay Men’s Cuckolding Fantasies. Archives of Sexual Behavior, 47, 999–1013. https://doi.org/10.1007/s10508-017-1096-0
- Ley, D. J. (2009). Insatiable Wives: Women Who Stray and the Men Who Love Them. Rowman & Littlefield.
7 Tage, 7 kurze E-Mails von Judith Swartz – kostenlos, diskret, ohne Bilder.
- Verstehen statt schämen: Was hinter der Fantasie steckt und was die Forschung wirklich darüber weiß.
- Die häufigsten Fehler vermeiden: Warum Überrumpeln, Drängen und Heimlichkeit fast immer schiefgehen.
- Ein klarer Fahrplan: Wie Paare das Thema behutsam angehen – mit eurer Beziehung im Mittelpunkt.

